Tuberkulose-Situation in Bayern 2024
Für das Meldejahr 2024 wurden nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) insgesamt 598 Tuberkulose-Neuerkrankungen gemäß Referenzdefinition des Robert Koch-Instituts (RKI) an das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) übermittelt (Datenquelle SurvNet, Datenstand 01.03.2025). Diese Fallzahl entspricht einer Inzidenz von 4,5 Fällen pro 100.000 Einwohner.
Zeitlicher Verlauf
Die Meldezahlen waren seit dem Jahr 2002 mit über 1.100 Neuerkrankungen bis zum Jahr 2007 fast kontinuierlich zurückgegangen. In den Jahren 2007 bis 2014 bewegte sich die jährliche Fallzahl mit gewissen Schwankungen auf einem Plateau zwischen circa 600 -700 Meldungen. Für das Jahr 2015 war aufgrund der Migrationsbewegungen mit 1.048 Fällen gegenüber 692 Fällen im Vorjahr erstmals wieder eine deutliche Zunahme der Meldungen auf ein ähnlich hohes Niveau wie zuletzt im Jahr 2003 (1.023 Fälle) zu beobachten. Während im Jahr 2016 mit 1.039 Fällen noch eine nur knapp unter dem Niveau vom Vorjahr liegende Anzahl zu verzeichnen war, ergab sich ab dem Jahr 2017 (874 Fälle) wieder ein Rückgang der Meldungen, der sich in den Folgejahren fortsetzte. In den Jahren 2018, 2019, 2020 und 2021 wurden 855, 750, 631 und 521 Fälle an das LGL übermittelt. Für die Jahre 2022 und 2023 ergab sich gegenüber den Vorjahren wieder ein leichter Anstieg auf 587 bzw. 642 Fälle. Im Jahr 2024 wurden mit 598 geringfügig weniger Erkrankungsfälle gemeldet als im Vorjahr (Datenquelle SurvNet, Datenstand 01.03.2025, siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Anzahl übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern für die Meldejahre 2002-2024 (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2025)
Tabelle 1 zur Abbildung 1
Jahr | Anzahl Neuerkrankungen |
---|---|
2002 | 1.116 |
2003 | 1.023 |
2004 | 934 |
2005 | 994 |
2006 | 772 |
2007 | 672 |
2008 | 662 |
2009 | 631 |
2010 | 697 |
2011 | 682 |
2012 | 658 |
2013 | 580 |
2014 | 692 |
2015 | 1.048 |
2016 | 1.039 |
2017 | 874 |
2018 | 855 |
2019 | 750 |
2020 | 631 |
2021 | 521 |
2022 | 587 |
2023 | 642 |
2024 | 598 |
Geographische Verteilung
Die höchste Tuberkulose-Inzidenz für Neuerkrankungen in Bayern wurde im Meldejahr 2024 im Regierungsbezirk Unterfranken verzeichnet mit 6,13 Fällen pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Oberbayern mit einer Inzidenz von 4,83 Fällen pro 100.000 Einwohner. Für Mittelfranken ergab sich eine Inzidenz von 4,36, für die Oberfranken von 3,99 und für Schwaben von 3,82. Die niedrigsten Inzidenzen mit 3,59 bzw. 3,51 Fällen pro 100.000 Einwohner wiesen die Oberpfalz und Niederbayern auf. Die Inzidenz für Bayern gesamt betrug 4,45 Fälle pro 100.000 Einwohner (s. Tabelle 1).
Regierungsbezirk | 2024 Anzahl (n) | 2024 Inzidenz |
---|---|---|
Mittelfranken | 79 | 4,36 |
Niederbayern | 45 | 3,51 |
Oberbayern | 233 | 4,83 |
Oberfranken | 43 | 3,99 |
Oberpfalz | 41 | 3,59 |
Schwaben | 75 | 3,82 |
Unterfranken | 82 | 6,13 |
Gesamt | 598 | 4,45 |
Demographische Verteilung
Insgesamt wurden wie in den Vorjahren auch im Jahr 2024 Tuberkulose-Neuerkrankungen deutlich häufiger bei Männern als bei Frauen gemeldet: 406 gegenüber 190 Erkrankungsfällen (1 Fall Geschlecht divers, 1 Fall unbekannt), dies entspricht einer Inzidenz von 6,09 bzw. 2,81 Fällen pro 100.000 Einwohner.
Die altersgruppierten Inzidenzen (siehe Abbildung 2) zeigen einen Hauptgipfel beim männlichen Geschlecht in der Altersgruppe 15-19 Jahre, gefolgt von den Altersgruppen in der Spanne 20-39 Jahre. Bei Frauen ergab sich die höchste Inzidenz in der Altersspanne von 20-24 Jahren gefolgt von den 25-29-jährigen.
31 Fälle (4 % der gemeldeten Tuberkulose-Fälle) traten bei Kindern unter 15 Jahren auf. Das entspricht einer Inzidenz von 1,62 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Es waren 18 männliche und 13 weibliche Kinder betroffen.

Abbildung 2: Inzidenz (Fälle/100.000 Einwohner) übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern 2024, aufgeschlüsselt nach Altersgruppen und Geschlecht (1 Fall divers, 1 Fall unbekannt; Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2025)
Tabelle 3 zur Abbildung 2
Altersgruppe (in Jahren) | männlich | weiblich |
---|---|---|
0 - 14 | 1,84 | 1,4 |
15 - 19 | 14,81 | 2,34 |
20 - 24 | 10,55 | 5,76 |
25- 29 | 9,29 | 5,18 |
30 - 39 | 7,98 | 3,62 |
40 - 49 | 6,68 | 3,57 |
50 - 59 | 4,25 | 2,83 |
60 - 69 | 3,92 | 1,21 |
70 - 79 | 5,12 | 3,06 |
80 + | 6,4 | 1,64 |
Angaben zum Geburtsland der Erkrankten lagen bei 596 von 598 Fällen (99,7 %) vor. Dabei betrafen 129 Fälle (21,5 %) in Deutschland gebürtige Personen, 467 Fälle (78,4 %) Patienten mit einem Geburtsort außerhalb Deutschlands.
Für außerhalb Deutschlands Geborene ergaben sich in der Altersspanne von 15-59 Jahren deutlich höhere Fallzahlen als bei den in Deutschland Gebürtigen im gleichen Altersbereich. Dabei zeigt sich ein Anstieg bis zu einem Hauptgipfel bei der Altersgruppe der 30-39-jährigen, gefolgt von einem Abfall bis zu der Altersgruppe der 60-69-jährigen. Demgegenüber fanden sich höhere Fallzahlen bei in Deutschland geborenen Erwachsenen ab einem Alter von 70 Jahren. In dieser Altersspanne nahmen die Fallzahlen für Personen mit ausländischem Geburtsland mit steigendem Alter weiter ab (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Anzahl übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern für das Meldejahr 2024, aufgeschlüsselt nach Altersgruppe und Geburtsort in Deutschland oder im Ausland (2 Fälle Geburtsort unbekannt; Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2025)
Tabelle 4 zur Abbildung 3
Altersgruppe (Jahren) | Ausland | Deutschland |
---|---|---|
0 - 14 | 15 | 16 |
15 - 19 | 53 | 2 |
20 - 24 | 59 | 2 |
25 - 29 | 60 | 3 |
30 - 39 | 102 | 5 |
40 - 49 | 76 | 10 |
50 - 59 | 50 | 20 |
60 - 69 | 23 | 22 |
70 - 79 | 20 | 26 |
80 + | 9 | 23 |
Klinische Aspekte
Die Lunge wurde bei 453 (76 %) der übermittelten Tuberkulose-Neuerkrankungen als hauptsächlich betroffenes Organ genannt (1 Fall ohne Angabe). Davon wiesen 58 Fälle (13 %) die sogenannte geschlossene (nicht-infektiöse) Krankheitsform auf. Bei den offenen Tuberkulosen handelte es sich in 234 Fällen (52 %) um die besonders infektiöse Form mit positiver Mikroskopie (mikroskopischer Nachweis von säurefesten Stäbchen in Untersuchungsmaterial aus den Atemwegen).
Bei den 144 (23 %) ausschließlich extra-pulmonalen, nicht-infektiösen Erkrankungen waren anteilsmäßig die extrathorakalen Lymphknoten (59 Fälle), die intrathorakalen Lymphknoten (22 Fälle) und die Pleura (21 Fälle) die am häufigsten befallenen Organe, gefolgt von Knochen und Gelenken (einschließlich Wirbelsäule 19 Fälle), Peritoneum/Verdauungstrakt (10 Fälle) sowie Urogenitaltrakt (6 Fälle). Ein Befall des ZNS (einschließlich Hirnhaut) wurde in 3 Fällen sowie ein Befall sonstiger Organe in 4 Fällen übermittelt.
Insgesamt 12 Patienten (5 davon weiblich) verstarben im Meldejahr 2024 an ihrer Tuberkulose-Erkrankung (verstorben gemäß Basisdaten, 2 von 598 Fällen ohne Angaben zum Verstorben-Status). Dies entspricht einer Letalität von 2 %. Betroffen waren in der Mehrheit Personen ab 60 Jahren (8 von 12 Fällen). Bei 8 Fällen wurde als Geburtsland Deutschland angegeben. Hauptsächlich betroffenes Organ bei den Verstorbenen war jeweils die Lunge (12 von 12 Fällen).
Nachgewiesene Erreger und Resistenz
Angaben zum Erreger lagen bei insgesamt 547 (91,5 %) von 598 Tuberkulose-Fällen vor. Davon wurde für 193 Fälle M. tuberculosis-Komplex ohne weitere Differenzierung übermittelt. Bezogen auf Fälle mit Spezies-Differenzierung war M. tuberculosis mit 346 Fällen die häufigste nachgewiesene Spezies. M .africanum (5 Fälle), M. bovis (2 Fälle) sowie M. bovis caprae (1 Fall) wurden nur vereinzelt isoliert.
Multiresistente Erreger (sogenannte „multidrug-resistance“ - MDR - gleichzeitige Resistenz gegenüber den beiden wichtigsten Tuberkulose-Medikamenten Isoniazid und Rifampicin) wurden in 2024 bei 17 Fällen festgestellt.
Fazit
Nach einem Anstieg der Tuberkulose-Neuerkrankungen in den Jahren 2015 und 2016 ergab sich in den Folgejahren wieder eine Abnahme der Meldezahlen. Wie in den Vorjahren überwogen auch im Jahr 2024 männliche Patienten. Ein Großteil der gemeldeten Fälle war nicht in Deutschland geboren.
Der beständig hohe Anteil an übermittelten infektiösen Erkrankungen in Bayern zeigt, dass Prävention, Diagnostik und Therapie der Tuberkulose weiterhin relevante Aufgaben für den Öffentlichen Gesundheitsdienst und die ambulante und stationäre Gesundheitsversorgung bleiben. Zeitnahe Diagnostik von Tuberkuloseerkrankungen sowie eine stringente Umsetzung der Empfehlungen zur Behandlung der Tuberkulose sowie zu Umgebungsuntersuchungen und zur Prävention sind essentiell, um weitere Fortschritte in der Tuberkulosekontrolle zu erzielen.